Interview mit Frau Staatssekretärin Karin Kortmann am 7. Juni 2006

... anlässlich des Starts der WM-protour der PaceMakers in Kaiserslautern.

Die Fragen stellte Wolfgang Kohlstruck von der Friedensinitiative Westpfalz.

FIW: Frau Kortmann, Sie sind Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Nun haben Sie die Schirmherrschaft übernommen für die WM-Protour der PaceMakers, die jetzt hier in Kaiserslautern beginnt und alle Städte verbindet, in denen Spiele zur Fußballweltmeisterschaft stattfinden. Und darüber hinaus treten Sie jetzt zu Beginn der Fahrt auch persönlich in die Pedale. Was waren Ihre Gründe dafür, diese Schirmherrschaft zu übernehmen?

Kortmann: Ich habe mich darüber gefreut, dass ich gefragt wurde. Ich hatte zwei Gründe, das Angebot anzunehmen: Der eine ist, dass ich selber in der Friedensbewegung sozialisiert und auch politisiert wurde und dass bis heute die Notwendigkeit besteht, weltweit stärker abzurüsten. Wir hören in diesen Tagen, dass die Verhandlungen des UN-Sicherheitsrates und der EU mit dem Präsidenten des Iran Abrüstungsfragen zum Inhalt haben, also ein hochaktuelles Thema. Der zweite Grund ist, dass die Radtour auch die Umsetzung der Entwicklungsziele der Vereinten Nationen unterstützt. In ihnen geht es darum, die Armut in der Welt zu reduzieren und mehr finanzielle Mittel für Bildung und Gesundheitssysteme zur Verfügung zu stellen. Und das geht letztlich nur, wenn man umschichtet in der Weise, dass man die Militärhaushalte drastisch reduziert und statt dessen die Mittel für präventive Arbeit, für Konfliktbearbeitung und für die Verringerung der Armut erhöht. Und dafür strampele ich heute mit.


FIW: Sehen Sie besondere Verbindungslinien zwischen Ihrer Tätigkeit im Bundesministerium und der Zielsetzung, die hier heute vertreten wird?

Kortmann: Ja, der Rote Faden ist erkennbar. Die Erfüllung der erwähnten Entwicklungsziele der Vereinten Nationen ist eines der prioritären Ziele, die wir im Bundesministerium verfolgen.

FIW: Gilt dies auch für die Politik der großen Koalition?

Kortmann: Wir sind in der Bundesregierung mit unserer SPD-Position, mehr für Abrüstung zu tun, die Fortsetzung der bisherigen Entwicklungspolitik und aus der Nutzung der Atomkraft auszusteigen, gut aufgestellt. Daran gibt es auch in der großen Koalition nichts zu rütteln. Außerdem haben wir alle in den Zeiten der Friedensbewegung gelernt, dass man Mehrheiten schaffen muss und wie man Massen mobilisiert. Wir haben eingeübt, uns zäh und nachhaltig für Ziele einzusetzen und uns nicht durch die ersten Enttäuschungen wieder zurückwerfen zu lassen.

FIW: Zur Sicherung des Friedens trägt auch eine langfristige Sicherung der Energieversorgung bei. Welche Ziele verfolgt ihr Ministerium auf diesem Feld?

Kortmann: Es zeigt sich mehr denn je, dass gerade auf der europäischen und der internationalen Ebene die Frage zu klären ist, wie wir zukünftig mit den Energieressourcen umgehen und speziell wie wir mit dem Iran verfahren, wie ich zu Anfang schon sagte. Wir müssen weg kommen von der Atomenergie und stärker für erneuerbare Energien eintreten. Das ist eines der wichtigsten Programme, die wir im Ministerium haben. Insofern gibt es ganz viele Verbindungen zu dem, was das Anliegen der Radtour ist.

Ich möchte diese Energiepolitik an Beispielen verdeutlichen: Wir legen derzeit im Dialog mit unseren afrikanischen Partnern, großen Wert darauf, über Erdölförderung und deren Gewinne Vereinbarungen zu treffen: Der Profit muss dem gesamten Land und der ganzen Bevölkerung zugute kommen muss und dessen Ertrag nicht nur in die Gewinne von Ölindustrien oder in die Taschen einiger korrupten Größen im Lande fließen darf. Ich war vor kurzem in Indien. Wir setzen auf Biodieselkraftstoff-Anlagen, die dort von uns gefördert werden, weil wir wissen, dass alternativen Energietechnologien notwendig sind. Wir haben mit den Brasilianern darüber verhandelt, dass es nicht nachhaltig ist, weitere Atomkraftwerke zu bauen, sondern dass es andere Energieformen gibt, die ebenso wettbewerbsfähig und breitenwirksam sind.

An einen weiteren Schwerpunkt der Politik unseres Ministeriums werde ich erinnert, wenn ich mich heute morgen hier umsehe. Hier hat der Eine-Welt-Laden den Frühstückstisch für die Anwesenden gedeckt. Die Arbeit dieser Läden ist für uns ganz wichtig, weil wir kleinbäuerliche Strukturen in den Entwicklungsländern unterstützen, statt die großen Produzenten. Mein Ministerium unterstützt jedes Jahr die Fair-Handelswoche, die im September stattfindet, um auf die fair gehandelten Produkte aufmerksam zu machen. Im letzten Jahr haben alle, die diese Siegel haben z.B. die GEPA, FAIR TRADE enorme Wachstumssprünge gemacht, sie haben Umsatzsteigerungen zwischen 8 und 20 % verzeichnen können. Im Fairen Handel werden jetzt jährlich 100 Millionen Euro umgesetzt. Zwar gehen diese Steigerungen sehr stark auf Umsätze in den großen Lebensmittelkonzernen zurück. Aber die nötige Verbraucherinformation und die notwendige Bildungsarbeit und Projektförderung wird vorrangig von den Weltläden geleistet. Für dieses Engagement ist den vielen Ehrenamtlichen in den Weltläden besonders zu danken.


FIW: Sie sprachen eingangs von der notwendigen Reduzierung der Rüstungshaushalte. Welche Perspektiven haben Sie dafür?

Kortmann: Ich habe in meiner Jugend in Rheinland-Pfalz Erfahrungen damit gesammelt, was es heißt, mit Militär aufzuwachsen, aber auch den Mut zu haben, eine Zukunft zu sehen, in der das Militär überflüssig geworden ist. Wir müssen dafür sorgen, dass wir in einer friedlichen, zivilen Welt leben können. Daran sollten wir auch weiter bauen.

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